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Das Gebet

Schwester Cheryl C. Lant
PV-Präsidentin
CES-Fireside für junge Erwachsene • 9. September 2007 • Brigham-Young-Universität

Schwester Cheryl C. LantIch möchte heute Abend zunächst mit Ihnen eine Geschichte betrachten, die wir alle sehr gut kennen. Sie handelt von einem jungen Mann, der in einer großen Stadt lebte. In vielem glich sie den Städten, in denen wir heute leben. Sie war überfüllt, laut, voller Menschen, die ihrer täglichen Beschäftigung bei Arbeit und Spiel nachgingen – Menschen, die sich frustriert und gestresst mühten, mit dem Leben um sie herum Schritt zu halten. Diese Stadt war voller Versuchungen. Viele Stimmen begehrten seine Aufmerksamkeit – Stimmen, die ihn einluden, selbstsüchtigen Wünschen nach Besitz, Macht, Ruhm und Vergnügen nachzugeben; Stimmen, die ihn anregten, hier ein wenig zu mogeln und dort ein wenig zu lügen; Stimmen, die ihn zum Mitmachen anstachelten, weil doch jeder es tat.

Dieser junge Mann musste viele Entscheidungen treffen. Er hatte eine Familie – eine Familie, die wahrscheinlich vielen unserer Familien sehr ähnlich war. Diese Familie hatte Stärken und auch Schwächen. Seine Eltern waren gute Menschen, die ihre Verantwortung, ihre Kinder gerechte Grundsätze zu lehren, ernst nahmen und sich wünschten, dass ihre Kinder dem Herrn folgten. Sie waren Eltern, die wahrscheinlich hin und wieder Fehler machten in ihrem Bestreben, dies zu erreichen. Der Vater war ein Priestertumsführer. Er erfüllte gewissenhaft seine Pflichten in der Familie und in der Kirche. Einige Kinder in dieser Familie waren respektvoll und gehorsam. Andere wollten den eigenen Willen und die eigenen Ansichten durchsetzen – so wie in unseren Familien.

Dieser junge Mann war so wie Sie, die Sie heute Abend hier sind. Er war intelligent, ernsthaft, rücksichtsvoll, fleißig und gehorsam. Er liebte seine Eltern und seine Familie, und er liebte den Herrn. Er wollte die richtigen Entscheidungen treffen. Wie die meisten von Ihnen hörte er auf seinen Vater. Aber das war nicht einfach. Und mit der Zeit wurde es immer schwerer. Die Worte seines Vaters sonderten ihn von seinen Freunden und von seiner Umwelt ab. Er wollte und musste für sich selbst herausfinden, ob das, was sein Vater ihn gelehrt hatte, richtig war.

In den heiligen Schriften steht, wie er das tat und was geschah: „Ich hatte auch großes Verlangen, von den Geheimnissen Gottes zu wissen; darum rief ich den Herrn an; und siehe, er besuchte mich und erweichte mir das Herz, sodass ich alle die Worte glaubte, die mein Vater gesprochen hatte.“ (1 Nephi 2:16.)

Vor Entscheidungen gestellt, die sein gesamtes weiteres Leben beeinflussen würden, wandte der junge Mann sich demütig im Gebet an seinen himmlischen Vater und erhielt eine Antwort. Dieser junge Mann hieß Nephi.

Nephi musste in seinem Leben eine Entscheidung treffen. Sie war den Entscheidungen, die wir alle Tag für Tag treffen müssen, sehr ähnlich. Mag unsere Welt sich auch von der seinen sehr unterscheiden, so sind doch die Einflüsse, die an ihm zerrten, fast dieselben, die an uns zerren. Er musste sich zwischen dem Weltlichen und dem, was vom Herrn kommt, entscheiden. Wir stehen vor genau solchen Entscheidungen. Nephi beschloss, seine Absichten und seinen Willen in die Hand des Herrn zu legen. Er beschloss, sich im Gebet an die einzig wahre Quelle der Wahrheit und Rechtschaffenheit zu wenden, er beschloss, auf die Antworten zu hören, die der Herr ihm gab, und er beschloss, zu gehorchen. Dieser einfache Schritt, das Gebet, öffnete nicht nur Nephi die Tür zu einem großartigen Leben voller Chancen und Segnungen. Er dient auch uns in der heutigen Zeit als Beispiel.

Nephi selbst ermahnt uns in 1 Nephi 19:23, „alle Schriften auf uns [zu beziehen], damit wir davon Nutzen hätten und lernen könnten“. Und daher werden wir heute Abend über den wunderbaren Evangeliumsgrundsatz sprechen, den Nephi uns vorgelebt hat. Wir werden über das Gebet sprechen. Wir werden zum besseren Verständnis in den heiligen Schriften und bei den Propheten nachschauen. Wir werden diese Lehren auf unser Leben beziehen.

Denken Sie bitte unterdessen über das Gebet in Ihrem Leben nach und überdenken Sie ehrlich und ernsthaft die Antworten auf einige Fragen, die ich stellen werde, wie etwa: Wofür sollte ich in meinem Leben beten? Wann und wie kann ich beten? Bete ich intensiv und mit Glauben? Spüre ich, dass meine Gebete gehört werden? Glaube ich wirklich, dass der Herr mir antworten wird? Verstehe ich, wie Gebete beantwortet werden? Erkenne und akzeptiere ich die Antworten – auch wenn sie nicht dem entsprechen, was ich gern hätte? Verstehe ich, was es bedeutet, auf den Herrn zu harren? Bete ich mit wirklichem Vorsatz und gestalte ich mein Leben dadurch nach den Antworten, die ich erhalte? Gehe ich voran und handle gemäß den Antworten, die ich bekomme?

Lassen Sie uns nun, bevor wir diese Fragen beantworten, über den Grundsatz Gebet sprechen. Das Beten ist ganz einfach der Vorgang, durch den wir mit unserem himmlischen Vater kommunizieren können. Und diese Kommunikation ist zweiseitig. Elder Richard G. Scott lehrt uns: „Das Gebet ist eine erhabene Gabe, die jeder Mensch vom Vater im Himmel erhalten hat.“ (Liahona, Mai 2007, Seite 8.) Ganz gleich, wer wir sind, wo wir sind, welche Bedürfnisse wir haben oder was wir getan haben – wir sind nicht allein. Wir haben einen liebevollen Vater im Himmel, der dafür gesorgt hat, dass wir ihn erreichen können, wenn wir uns ihm nur zuwenden.

Beten bewirkt vieles. Das Gebet ist eine Möglichkeit, unseren Dank auszudrücken. Es spendet Trost und Frieden. Durch das Gebet können wir ein Zeugnis erlangen. Es hilft uns, uns über unsere Gefühle und Gedanken klar zu werden, indem wir unsere Sorgen und Wünsche dem himmlischen Vater vortragen. Es kann uns konkrete Antworten geben. Unser Geist kann erleuchtet werden, denn Offenbarung tritt über das persönliche Gebet ein. Mit dem Gebet beginnt die Umkehr; durch das Gebet erfahren wir, dass uns vergeben wurde, und es kann uns helfen, uns selbst und anderen zu vergeben. Im Gebet können wir unseren Kurs finden. Es kann uns helfen, Entscheidungen zu treffen.

Wir können auf ganz konkrete Weise Hilfe erlangen. Durch das Gebet können wir sowohl körperlich als auch geistig gestärkt werden. Das Gebet kann uns vor allem schützen, was uns schadet oder was schlecht ist. Wir können jede geistige Gabe erlangen, wenn wir aufrichtig darum bitten. Wir finden auf alle Fragen des Lebens Antwort, wenn wir sie im Gebet stellen. Ich weiß, dass das Gebet heilende Kräfte in sich birgt – Heilung in körperlichen und in geistigen Belangen.

Das Gebet bezieht den Einzelnen ein – Sie und mich – und auch die gesamte Gottheit. Alle drei Mitglieder der Gottheit sind beteiligt, und zwar so: Wenn wir im Namen Jesu Christi, der unser Fürsprecher ist, zu unserem himmlischen Vater beten, antwortet unser himmlischer Vater durch den Heiligen Geist. Durch den Heiligen Geist fühlen wir die Liebe des Vaters und des Sohnes.

Sie sollten wissen, dass ich weiß, dass diese Grundsätze, die das Gebet betreffen, wahr sind. Diese Grundsätze sind in den heiligen Schriften und in den Worten der Propheten zu finden. Ich habe ein Zeugnis von der Macht des Gebets, denn ich habe viele Segnungen des Gebets selbst erfahren. Worüber ich heute Abend aber wirklich sprechen möchte, ist, was Sie über die Rolle des Gebets in Ihrem Leben denken; wie Sie es nutzen, um die Mächte des Himmels in Anspruch zu nehmen. Dazu lassen Sie uns die anfangs erwähnten Fragen noch einmal aufgreifen:

Wofür soll ich beten?

Die erste Frage lautet: Wofür soll ich in meinem Leben beten?

Denken Sie darüber nach, wo Sie momentan in Ihrem Leben stehen. Machen Sie sich um etwas Sorgen? Fühlen Sie sich manchmal überfordert oder verwirrt? Mit Sicherheit gibt es Herausforderungen und Sorgen. Welche sind es? Im Buch Mormon nennt Amulek einiges, wofür wir beten sollten. Merken Sie sich, während wir diese Schriftstelle gemeinsam lesen, welche Punkte dort ausdrücklich genannt werden. Lesen wir nun in Alma 34 Vers 17 bis 26:

„Darum möge Gott euch, meinen Brüdern, gewähren, dass ihr anfangt, euren Glauben zur Umkehr auszuüben, dass ihr anfangt, seinen heiligen Namen anzurufen, damit er zu euch barmherzig sei; ja, ruft ihn an um Barmherzigkeit; denn er ist mächtig, zu erretten. Ja, demütigt euch und fahrt fort, zu ihm zu beten. Ruft ihn an, wenn ihr auf euren Feldern seid, ja, für alle eure Herden. Ruft ihn an in euren Häusern, ja, für euren ganzen Haushalt, sowohl morgens als auch mittags und abends. Ja, ruft ihn an gegen die Macht eurer Feinde. Ja, ruft ihn an gegen den Teufel, der ein Feind aller Rechtschaffenheit ist. Ruft ihn an für die Ernten auf euren Feldern, damit es euch daran wohl ergehe. Ruft für die Herden auf euren Feldern, damit sie sich vermehren. Aber dies ist nicht alles; ihr müsst eure Seele in euren Kammern und an euren verborgenen Plätzen und in eurer Wildnis ausschütten.“

Sind das nicht einige Anregungen, wofür wir beten könnten? Offenbar wird hier empfohlen, dass wir für alles beten sollen.

Alma betete um Barmherzigkeit, damit er errettet werden möge. Er bat darum, das Sühnopfer in seinem Leben wirksam werden zu lassen. Er kehrte um. Er betete für seine Familie, seinen Besitz, seinen Erfolg. Er betete um Schutz vor dem Satan und vor Versuchungen. Als der Herr den Alma aufforderte, in seiner Kammer, an seinen verborgenen Plätzen und in seiner Wildnis zu beten, hat er wohl nicht nur Orte gemeint, an denen Alma beten könnte, oder jedenfalls nicht nur von Orten gesprochen. Er hat ihn wohl außerdem aufgefordert, die verborgenen Plätze in seinem Herzen und in seinem Leben aufzusuchen und wegen all seiner persönlichen Kämpfe und Schwächen zu beten.

Wenn wir diese Schriftstelle auf unser eigenes Leben beziehen, können wir vieles entdecken, wofür wir beten könnten. Für Sie könnten beispielsweise Schulaufgaben oder die Berufswahl dazugehören oder dass Sie einen würdigen Partner für die Ewigkeit kennenlernen. Was ist mit der Gründung einer Familie, mit Ihrer Gesundheit, mit Ihrer Würdigkeit? Könnte es Ihr persönliches Zeugnis mit einschließen, Ihren Wunsch zu wissen, wie Sie Gott dienen sollen, Ihren Bedarf umzukehren und Ihr Bedürfnis, gegen Versuchungen gewappnet zu werden? Bedeutet es, dass Sie dafür beten, der Heilige Geist möge Sie in allem leiten?

Wenn wir beten, sollten wir daran denken, nicht nur für das zu beten, was wir uns wünschen. Wir müssen dahin gelangen, dass wir für das beten, was der Herr sich für uns wünscht. Wenn wir das tun, übergeben wir ihm letztendlich unser Leben. Wir sagen: „Ich kann das nicht alleine tun. Ich möchte das nicht alleine tun. Ich will es auf deine Weise tun.“

Wann und wie kann ich beten?

Das führt uns zu der zweiten Frage: Wann und wie kann ich beten?

Natürlich beten wir regelmäßig für uns allein, so wie es uns allen beigebracht wurde – abends und morgens. Wir beten mit der Familie und in unseren Versammlungen. Dies sind die ersten Gebete, die man uns beigebracht hat. Wenn wir nicht Acht geben, können sie mehr und mehr zur Routine werden, bis sie wie auswendig gesagt klingen.

Wie oft sprechen wir ein flüchtiges Morgengebet, springen dann auf, rennen zur Tür hinaus – und verschwenden keinen weiteren Gedanken daran? Wie oft schlafen wir während unseres Abendgebets ein oder lassen es ganz ausfallen, weil wir so müde sind? Wenn wir betrachten, wen wir im Gebet ansprechen, wie viel er für uns getan hat und wie sehr wir auf ihn angewiesen sind, gibt uns dies Anlass nachzudenken. Wenn wir uns beim Beten Zeit zum Nachsinnen nehmen, erhält der Geist die Gelegenheit, zu uns zu sprechen.

Das Familiengebet kann machtvoll sein. Es kann die Mitglieder der Familie einen und sie in schwierigen Zeiten stärken. Es kann schützen. Es kann Trost und Frieden spenden. Als unsere Kinder auf Mission waren, errechneten wir anhand des Zeitunterschieds zwischen unserem Wohnort und der jeweiligen Mission, wie spät es bei ihnen war, wenn wir zu Hause unser Familiengebet sprachen, damit sie wussten, wann wir gerade für sie beteten. Einige von ihnen sagen, dass sie diese Gebete gespürt haben und dadurch in besonderer Weise gestärkt wurden, genau dann, wenn es nötig war.

Aber in den Schriften werden wir darüber belehrt, dass solche formalen Gebete nicht die einzige Methode darstellen, unseren himmlischen Vater anzusprechen. In Alma 34:27 steht: „Ja, und wenn ihr den Herrn nicht anruft, so lasst euer Herz voll sein, ständig im Gebet zu ihm hingezogen für euer Wohlergehen.“

Wir können immer ein Gebet im Herzen haben. Was bedeutet das?

Ich denke, es ist die Einstellung, aus tiefstem Herzen zum Himmel – zum himmlischen Vater – hinaufreichen zu wollen. Es ist das flüchtige, aber eindringliche Gefühl der Dankbarkeit, ein Hilferuf, die Bitte um Entschuldigung oder die Frage, was jetzt zu tun oder zu sagen angebracht wäre. Es ist das Sehnen nach Trost, Kraft und Führung, wenn wir in Schwierigkeiten stecken. Es ist die Freude über etwas Schönes. Es ist die Erkenntnis, dass der Heilige Geist in unserem Leben wirkt. Es bedeutet, dass wir unser Herz der fortwährenden Kommunikation öffnen. Auf diese Weise können wir mehr oder weniger beständig beten – je nachdem, wie weit wir es zulassen. Wir bestimmen dies durch unsere Tätigkeiten, unsere Umgebung und unsere innere Einstellung.

Was aber könnte beispielsweise verhindern, dass dies stattfindet? Laute oder ständige Musik, sogar gute Musik, kann zu Lärm werden, der einen gebeterfüllten Gedanken erstickt, bevor unser Verstand ihn überhaupt formen kann. Wenn wir uns mit Chaos, Durcheinander und Verwirrung umgeben, kann das den Geist ersticken. Zu viel Geschäftigkeit und Alltagsstress können unsere Gedanken vom Himmel ablenken. Wenn wir uns vorsätzlich an Orten aufhalten, von denen wir wissen, dass der Geist dort nicht verweilen kann, werden unsere Gebete behindert. Wenn wir zulassen, dass unanständige, hässliche Bilder in unsere Gedankenwelt eindringen, durch etwas, was wir im Internet, in einem Film oder im Fernsehen sehen oder lesen, wird unsere Verbindung zum Himmel zerstört. Wenn wir verärgert oder gereizt sind oder uns jemand auf die Nerven geht, kann unser Herz sich verschließen.

„Aber“, könnte man wohl einwenden, „so etwas gehört doch zu unserem Alltag, wie kann man das denn vermeiden?“ Ich glaube, dass so etwas Teil unseres täglichen Lebens sein kann, wenn wir es zulassen. Wir haben dergleichen in der Hand oder können es zumindest in der Hand haben.

Es ist so wichtig, dass wir alle unser Leben überdenken und uns überlegen, was wir tun müssen, um der Segnungen des Himmels würdig zu sein. Uns wird bewusst werden, wie nah der Himmel ist, wenn wir uns nur nach ihm ausstrecken. Und genau dies kann dazu beitragen, unser Leben in Einklang mit Geistigem zu bringen. Je näher wir dem Geist sind, desto mehr kann sich unser Herz öffnen und beständig dem himmlischen Vater zuwenden. Ich selbst bleibe dem Herrn durch das Gebet des Herzens näher als durch alles andere, was ich tun kann. Ich kann es überall und jederzeit pflegen. Es ist für mich wie eine Lebensader.

Bete ich intensiv und mit Glauben?

Die nächste Frage ist: Bete ich intensiv und mit Glauben?

Sehen Sie sich noch einmal Alma 34:17-27 an. Die gesamte Textstelle weist darauf hin, dass wir sowohl intensiv als auch im Glauben beten müssen. Beachten Sie die Wortwahl: „Glauben ausüben“, „seinen heiligen Namen anrufen“, „ihn anrufen“, „eure Seele ausschütten“, „im Gebet zu ihm hingezogen“. Das ist mehr als nur ein pflichtgemäßes, eilig gesprochenes Gebet.

Alle Gebete müssen aus der Tiefe unseres Geistes und unseres Herzens kommen. Wie verletzend muss es für den Herrn sein, der uns so viel gibt, der bereitsteht, uns mit allem zu segnen, was „für uns ratsam ist“, wenn wir unsere Gebete rasch hinter uns bringen, dabei schlafen, in Gedanken abschweifen oder wenn wir uns dabei einer saloppen oder respektlosen Ausdrucksweise bedienen! Wie oft vergessen wir ihn gänzlich, bis wir etwas dringend brauchen?

Manchmal sind unsere Gebete ein dringender Hilferuf. Ich erinnere mich, dass ich solch ein Gebet gesprochen habe, als mein damals dreijähriger Sohn verschwunden war. Er hatte mit den anderen Kindern in unserem Garten gespielt. Ich hatte ihn nur einen Augenblick lang aus den Augen gelassen, um nach dem Baby zu schauen. Aber plötzlich war er verschwunden.

Sofort betete ich verzweifelt um Hilfe. Mir kam der Gedanke in den Sinn, dass er am Schwimmbecken eines drei Straßen weiter gelegenen Wohnblocks sei.

Er war allerdings noch nie bei diesem Schwimmbecken gewesen. Er war auch noch nie bei einem dieser Wohnblocks gewesen. Das Schwimmbecken befand sich innerhalb des Gebäudes und wurde stets verschlossen gehalten. Er wusste nicht einmal, dass es dort war. Aber das Gefühl war stark.

Im Rennen rief ich meinem zehnjährigen Sohn, der auf seinem Fahrrad saß, zu, er solle so schnell er könne zu diesem Schwimmbecken fahren. Als er dort eintraf, sah er, wie sein kleiner Bruder und ein anderer kleiner Junge im selben Alter, der dieses Schwimmbecken kannte, gerade am flachen Ende des Beckens hineinwateten. Sie hatten sämtliche Kleidung und ihre Schuhe an – und obwohl die Tür offen stand, war niemand sonst dort.

Manche Gebete sind eindringlich und müssen sofort erhört werden! Glücklicherweise sind nicht alle Gebete so. Wenn wir uns beständig im Gebet an den Herrn wenden, ist er da, wenn wir ihn dringend brauchen.

Eindringlich zu beten zeigt offenbar den Glauben daran, dass das Gebet beantwortet werden kann. Der Glaube ist für einige von uns ganz einfach, wie bei einem Kind. Er mag der Liebe oder der Tatsache entspringen, dass er nie geprüft wurde. Für die meisten von uns ist der Glaube aber etwas, woran wir beständig arbeiten müssen. Wir erlangen vielleicht durch ein einzigartiges Erlebnis großen Glauben, doch wenn er das nächste Mal geprüft wird, scheinen wir wieder ganz von vorn damit beginnen zu müssen, dem Herrn wirklich zu vertrauen. Aber ich verspreche Ihnen: Wenn Sie beten und glauben, dass der himmlische Vater da ist, dass er Sie liebt und alle Gebete beantworten kann, dann wird Ihr Glaube wachsen und stärker werden, bis Sie an einen Punkt gelangen, wo Sie wissen, dass diese Dinge wahr sind. Glauben ist der Anfang von Vertrauen.

Glaube ich wirklich, dass meine Gebete gehört und beantwortet werden?

Die nächste Frage: Glaube ich wirklich, dass meine Gebete gehört werden und dass der himmlische Vater mir antworten wird?

Ich möchte Ihnen vom Gebet eines kleinen Jungen erzählen. Er heißt Brayden. Er war damals noch sehr klein, fünf oder sechs Jahre alt. Er hatte mit seiner Familie das Buch Mormon gelesen. Die Familie las jeden Tag ein paar Verse und betete dann gemeinsam.

Eines Tages lasen sie die Worte in Moroni 10:4: „Und ich möchte euch ermahnen: Wenn ihr dieses hier empfangt, so fragt Gott, den ewigen Vater, im Namen Christi, ob es wahr ist; und wenn ihr mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz fragt und Glauben an Christus habt, wird er euch durch die Macht des Heiligen Geistes kundtun, dass es wahr ist.“

Brayden war an diesem Tag mit Beten an der Reihe. Er begann sein Gebet so wie immer, mit den gleichen Worten wie immer, sagte dann aber etwas anderes. Er sagte: „Himmlischer Vater, ist das Buch Mormon wahr?“ Dann wartete er.

Er wartete so lange, dass sein Vater ihm einen verstohlenen Blick zuwarf, um zu sehen, ob er Hilfe brauchte, um sein Gebet zu beenden. Aber er brauchte keine Hilfe. Er kam zum Schluss, indem er einfach sagte: „Danke, himmlischer Vater.“ Dann beendete er sein Gebet. Der Geist erfüllte diese Wohnung und gab der ganzen Familie Zeugnis von der Wahrheit der heiligen Schriften. Der Junge hatte mit einfachem, wunderbarem Glauben ein Gebet gesprochen.

Genau wie Brayden sind Sie ein Kind Gottes. Sie sind ihm sehr kostbar. Er hat uns in den Schriften wiederholt geboten, allezeit zu beten. Er hat dafür gesorgt, dass wir durch das Sühnopfer nach Hause zurückkehren können. Warum sollte er Ihre Gebete nicht beantworten? Er wird es tun, das verspreche ich Ihnen. Aber vielleicht zweifeln wir ja gar nicht am Herrn. Vielleicht stellen wir unsere eigene Würdigkeit in Frage. Vielleicht ist es unser mangelndes Verständnis dafür, wie Gott unsere Gebete beantwortet, das uns zweifeln lässt.

Lassen Sie uns, damit wir besser verstehen, wie der himmlische Vater unsere Gebete beantwortet, diese Frage mit den nächsten drei Fragen verbinden, nämlich:

„Verstehe ich, wie Antworten auf Gebete gegeben werden?“

„Erkenne und akzeptiere ich die Antworten – auch wenn sie nicht dem entsprechen, was ich gern hätte?“

„Verstehe ich, was es bedeutet, auf den Herrn zu harren?“

Wenn wir uns bereitmachen – weil wir würdig sind –, beantwortet der himmlische Vater unsere Gebete immer. Bitte beachten Sie die Formulierung sich bereitmachen. Wir müssen uns sehr anstrengen, um der Segnungen des Herrn würdig zu sein.

Präsident Harold B. Lee hat gesagt: „Wenn Sie die Segnung haben wollen, knien Sie sich nicht einfach hin und beten darum. Bereiten Sie sich auf jede erdenkliche Weise vor, die Ihnen möglich ist, um sich würdig dafür zu machen, die angestrebte Segnung zu erlangen.“ (Stand Ye in Holy Places, 1974, Seite 244.)

Wir müssen dem Geist nahe sein, um zu wissen, wofür wir beten sollen, und um seine Antworten erkennen zu können. Das heißt aber nicht, dass wir vollkommen oder auch nur annähernd vollkommen sein müssen, um zu beten und Antworten zu erhalten. Das liegt daran, dass das Gebet eine der Möglichkeiten ist, wodurch wir umkehren und vollkommen werden können.

Der himmlische Vater beantwortet unsere Gebete nicht nur. Er beantwortet sie immer so, dass wir dadurch auf ewig gesegnet werden. Dieser Grundsatz ist absolut wahr. Unsere Gebete können jedoch auf vielerlei Weise beantwortet werden. Er könnte Ja sagen. Er könnte Nein sagen. Er könnte „jetzt noch nicht“ sagen. Manchmal haben wir das Gefühl, dass er überhaupt nicht antwortet, weil wir die Antwort nicht erkennen können. Wir müssen dem Herrn und seiner Zeitplanung vertrauen. Wir müssen lernen, die Antworten zu erkennen, wenn sie kommen.

Manche Antworten kommen nach und nach, um unseren Glauben zu stärken. Elder Dallin H. Oaks hat gesagt: „Wir können Geistiges nicht erzwingen. Das muss auch so sein. Würde uns der himmlische Vater sofort bei allen Fragen erleuchten und uns in allem Tun anleiten, wäre der Zweck unseres Daseins, nämlich Erfahrung zu sammeln und Glauben zu entwickeln, verfehlt.“ (The Lord’s Way, 1991, Seite 36.)

Einige Antworten sind uns bereits gegeben worden und der Herr vertraut uns, dass wir ihnen gemäß handeln. Manchmal beten wir um die Entscheidung zwischen zwei gleich guten Möglichkeiten, und der Herr gibt uns die Gelegenheit, unsere gottgegebene Entscheidungsfreiheit zu nutzen.

Vielleicht sind wir in unserem dringlichen Wunsch, eine bestimmte Antwort auf ein Gebet zu erhalten, nicht bereit, unser Leben in die Hand des Herrn zu legen und die erhaltene Antwort zu akzeptieren. Wir wollen das, was wir wollen, und wir wollen es jetzt!

Vielleicht besteht unser Problem darin, dass wir nicht erkennen, wie die Antworten gegeben werden. Uns ist bewusst, dass einige Gebete auf spektakuläre Weise beantwortet werden, so wie Joseph Smiths erste Vision, aber in den meisten Fällen erfolgt die Antwort leiser. In Lehre und Bündnisse 8:2,3 lesen wir von zwei Arten, wie der Herr unsere Gebete beantwortet:

„Ja, siehe, ich werde es dir in deinem Verstand und in deinem Herzen durch den Heiligen Geist sagen, der über dich kommen und in deinem Herzen wohnen wird. Nun siehe, dies ist der Geist der Offenbarung.“

Die erste Art, die genannt wird, findet sich in unserem Verstand. Diese Antworten werden durch die leise, feine Stimme des Heiligen Geistes als Gedanken, Ideen – als Erkenntnis – gegeben. Dies können Geistesblitze sein, die wir sofort erkennen. Oder es sind Ideen, über die wir nachdenken müssen und die sich mit der Zeit entwickeln. Normalerweise hat man dabei ein gutes Gefühl.

Die zweite Art, die genannt wird, betrifft unser Herz. Hier geht es mehr um unsere Gefühle. Wir können negative, verworrene Gefühle haben, die uns warnen, dass die Antwort Nein lautet. Oder die Gefühle können angenehm, friedlich, beruhigend und tröstlich sein. Das bedeutet, dass die Antwort Ja lautet. Diese Gefühle werden oft als intensive, brennende Empfindung beschrieben; sie können aber auch sehr zart sein.

Der entscheidende Grundsatz hierbei ist, dass uns geboten wurde, zu unserem himmlischen Vater zu beten. Er hört jedes Gebet. Er wird unsere Gebete zu unserem Besten beantworten. Wenn wir dies tief im Herzen wissen, werden wir nicht entmutigt sein und uns von ihm abwenden. Wenn die Antworten nicht sofort erkennbar sind, bleiben wir treu und beständig – und beten beständig darum, seine Wege zu erkennen. Mithilfe des Geistes können wir lernen zu erkennen, wie wir Antworten bekommen und wie sie lauten. Dies kann bei jedem Menschen und sogar bei jedem einzelnen Erlebnis anders sein. Ich weiß, wenn wir uns bereitmachen, den Heiligen Geist immer mit uns zu haben, können wir die Antworten auf unsere Gebete klarer erkennen und verstehen.

Gehe ich vorwärts und handle?

Die letzte Frage lautet: Gestalte ich mein Leben gemäß den Antworten, die ich auf meine Gebete erhalte? Gehe ich vorwärts und handle?

Ich weiß, dass der Herr Gebete hört und beantwortet. Ich glaube aber auch, dass er, wenn wir beständig beten, uns dann aber weigern, auf ihn zu hören und ihm zu folgen, in Zukunft nicht für uns erreichbar sein wird. In Lehre und Bündnisse 101:7,8 lesen wir:

„Sie waren langsam, auf die Stimme des Herrn, ihres Gottes, zu hören; darum ist der Herr, ihr Gott, langsam, auf ihr Beten zu hören und ihnen am Tag ihrer Beunruhigung darauf Antwort zu geben. Am Tag ihres Friedens haben sie meinen Rat gering geschätzt; aber am Tag ihrer Beunruhigung, da fühlen sie notgedrungen nach mir.“

Wenn wir Antworten vom Herrn erhalten, müssen wir im Vertrauen und mit Zuversicht vorwärts gehen. Ich glaube nicht, dass es ihn glücklich macht, wenn wir immer wieder um eine weitere Antwort bitten, wenn wir schon eine erhalten haben. Wir müssen uns dessen erinnern, was er uns bereits gegeben hat, und gläubig danach handeln.

Habe ich schon einmal das Gefühl gehabt, nicht beten zu wollen?

Ich bitte um Entschuldigung, aber eine Frage möchte ich noch stellen. Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, nicht beten zu wollen?

In 2 Nephi 32:8 lesen wir: „Wenn ihr auf den Geist hören wolltet, der den Menschen beten lehrt, dann würdet ihr wissen, dass ihr beten müsst; denn der böse Geist lehrt den Menschen nicht, zu beten, sondern lehrt ihn, dass er nicht beten soll.“

Präsident Brigham Young hat gesagt: „Es kommt nicht darauf an, ob euch oder mir zum Beten zumute ist. Wenn es Zeit ist zu beten, dann betet! Wenn uns nicht danach zumute ist, dann sollten wir beten, bis uns danach zumute ist.“ (Discourses of Brigham Young, Hg. John A. Widtsoe, 1954, Seite 44.)

Meine lieben jungen Brüder und Schwestern, Sie befinden sich gewissermaßen in einer Startposition. Ein neues Schuljahr liegt vor Ihnen, eine Zeit für neue Erfahrungen, neue Beziehungen – vielleicht sogar ewige Beziehungen. Sie beginnen Ihr Leben in vielerlei Hinsicht. Vor Ihnen liegen viele wichtige Entscheidungen. Was diese Entscheidungen betrifft, erwartet der himmlische Vater viel von uns. Er erwartet, dass wir alles tun, was uns möglich ist – nachdenken, arbeiten, unsere Fähigkeiten erweitern. Aber wenn wir bereit sind, es auf seine Weise zu tun, und unser Leben in seine Hand legen, wird es um vieles einfacher. Und wir werden es richtig machen.

Im Schriftenführer erfahren wir: „Ziel des Gebets ist nicht, den Willen Gottes zu ändern, sondern für sich selbst und für andere Segnungen zu sichern, die Gott schon zu geben bereit ist, um die wir aber bitten müssen, um sie zu erlangen.“ („Gebet“, Seite 67.)

Alles, was wir tun müssen, ist: uns ihm demütig zuwenden und fragen und dann zuhören und gehorchen. Einfach ausgedrückt: Das Leben muss eben nicht so schwer sein, wie wir es manchmal machen. In 3 Nephi 18:18-20 lesen wir:

„Siehe, wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr müsst immer wachen und beten, damit ihr nicht in Versuchung geratet; denn der Satan verlangt nach euch, dass er euch siebe wie Weizen. Darum müsst ihr immer in meinem Namen zum Vater beten; und alles, was ihr den Vater in meinem Namen bittet, sofern es recht ist und ihr glaubt, dass ihr empfangen werdet, siehe, das wird euch gegeben werden.“

Lassen Sie uns Nephis Beispiel folgen. Wenden wir uns in demütigem Gebet an den Vater im Himmel. Empfangen wir die unermesslichen Segnungen, die er speziell für uns und unsere Familie bereithält.

Ich weiß, dass Gott lebt! Jesus Christus lebt! Sie kennen einen jeden von uns. Sie lieben einen jeden von uns. Sie warten auf uns. Mögen wir schnell reagieren und uns ihnen in demütigem Gebet zuwenden. Im Namen Jesu Christi. Amen.

 
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