2000–2009
„O dass ich ein Engel wäre und mein Herzenswunsch wahr würde“
Oktober 2002


„O dass ich ein Engel wäre und mein Herzenswunsch wahr würde“

Ich bitte Sie dringend: Nutzen Sie die Tempel der Kirche. Gehen Sie dorthin und bringen Sie das großartige und wunderbare Werk voran, das der Gott des Himmels uns vorgegeben hat.

Meine lieben Brüder und Schwestern, wieder einmal heißen wir Sie zu einer weltweiten Konferenz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage willkommen.

Alma sprach: „O dass ich ein Engel wäre und mein Herzenswunsch wahr würde, nämlich dass ich hinausgehen und mit der Posaune Gottes sprechen könnte – mit einer Stimme, die die Erde erschüttert – und jedes Volk zur Umkehr rufen könnte!“ (Alma 29:1.)

Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir das fast tun können. Diese Konferenz wird in die ganze Welt übertragen, und die Sprecher werden von den Heiligen der Letzten Tage auf der ganzen Welt gehört und gesehen. Wir sind schon sehr weit dabei gekommen, die Vision im Buch Offenbarung zu erfüllen, nämlich: „Dann sah ich: Ein anderer Engel flog hoch am Himmel. Er hatte den Bewohnern der Erde ein ewiges Evangelium zu verkünden, allen Nationen, Stämmen, Sprachen und Völkern.“ (14:6.)

Was für ein außerordentliches Ereignis dies doch ist, meine Brüder und Schwestern! Wir können es kaum erfassen. Wir sprechen von diesem wunderbaren Konferenzzentrum aus. Ich kenne kein vergleichbares Gebäude.

Wir sind wie eine große Familie; wir repräsentieren die ganze Familie der Menschen auf der weiten und schönen Erde.

Viele von Ihnen haben im Juni an der Weihung des Nauvoo-Tempels teilgenommen. Es war ein großartiges und wunderbares Ereignis, das man nicht so bald vergessen wird. Wir haben nicht nur ein prächtiges Gebäude geweiht, ein Haus des Herrn, sondern auch ein schönes Ehrenmal für den Propheten Joseph Smith.

1841 – zwei Jahre nach seiner Ankunft in Nauvoo – führte er den ersten Spatenstich für ein Haus des Herrn aus, das als Kleinod des Gotteswerkes errichtet werden sollte.

Es war kaum zu glauben, dass in der damaligen Lage und in den Verhältnissen so ein prachtvolles Gebäude im damaligen Grenzland Amerikas stehen sollte.

Ich bezweifle ernsthaft, dass es damals im Staat Illinois noch ein vergleichbar erlesenes und prachtvolles Gebäude gab.

Es sollte dem Werk des Allmächtigen geweiht werden und seine ewigen Absichten erfüllen.

Keine Mühe wurde gescheut. Kein Opfer war zu groß. In den folgenden fünf Jahren behauten Männer Steine und legten die Fundamente, errichteten die Mauern und gestalteten die Verzierungen. Hunderte zogen in den Norden, ließen sich dort eine Weile nieder und fällten zahllose Bäume, die sie dann zu Flößen zusammenbanden und flussabwärts nach Nauvoo trieben. Aus diesem Holz entstanden wunderschöne Schnitzereien. Jeder Penny wurde gesammelt, damit Nägel gekauft werden konnten. Für die Anschaffung von Glas wurden unvorstellbare Opfer gebracht. Sie bauten Gott einen Tempel, und er sollte das Beste sein, dessen sie fähig waren.

Inmitten dieses geschäftigen Treibens wurden der Prophet und sein Bruder Hyrum am 27. Juni 1844 in Carthage umgebracht.

Keiner von uns Heutigen kann sich vorstellen, was für ein verheerender Schlag das für die Heiligen war. Ihr Führer war tot – er, der Visionen und Offenbarungen empfangen hatte. Er war nicht nur ihr Führer. Er war ihr Prophet. Ihr Kummer war groß. Sie litten sehr.

Aber Brigham Young, der Präsident des Kollegiums der Zwölf, nahm die Zügel auf. Joseph Smith hatte seine Vollmacht den Aposteln auf die Schultern gelegt. Brigham Young beschloss, den Tempel fertig zu stellen, und die Arbeit ging weiter. Ungeachtet der Drohungen des gesetzlosen Pöbels verfolgten sie ihr Ziel Tag und Nacht. 1845 war klar, dass sie in der Stadt, die sie dem Sumpfland am Fluss abgerungen hatten, nicht bleiben konnten. Sie mussten fort. Es wurde eine Zeit fieberhafter Hektik: Zunächst galt es, den Tempel fertig zu stellen, dann waren Wagen zu bauen und Vorräte zu sammeln, um in die Wildnis im Westen ziehen zu können.

Die heiligen Handlungen wurden aufgenommen, ehe der Tempel ganz fertig war. Die Hektik setzte sich bis in den kalten Winter 1846 fort, als die Menschen die Haustüren abschlossen und die Wagen die Parley Street langsam bis ans Ufer hinabfuhren, den Fluss überquerten und die Uferböschung in Iowa erklommen.

Sie zogen weiter. Es war so kalt, dass der Fluss zufror. Dadurch wurde es jedoch möglich, über das Eis zu fahren.

Sie warfen noch einen letzten Blick zurück nach Osten auf die Stadt ihrer Träume und den Tempel ihres Gottes. Dann wandten sie sich nach Westen, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Später wurde der Tempel geweiht, und wer an der Weihung teilnahm, sagte „Amen“ und zog weiter. Schließlich wurde das Gebäude von einem Brandstifter, der bei dieser Untat beinahe selbst ums Leben kam, in Brand gesteckt. Was dann noch übrig blieb, warf ein Wirbelsturm um. Das Haus des Herrn, der herrliche Gegenstand ihrer Mühen, war Vergangenheit.

Nauvoo wurde fast zu einer Geisterstadt. Es schwand dahin, bis es fast tot war. Auf dem Tempelgrund wurde gepflügt und angebaut. Die Jahre zogen ins Land, und so langsam regte sich wieder etwas. Unsere Mitglieder, die Nachkommen derjenigen, die einst dort gelebt hatten, erinnerten sich an ihre Vorfahren und hegten den Wunsch, denen Ehre zu erweisen, die einen so schrecklichen Preis hatten zahlen müssen. Allmählich erwachte die Stadt wieder zum Leben und Teile Nauvoos wurden restauriert.

Mein Vater war in jenem Gebiet Missionspräsident gewesen und wollte, dass der Tempel anlässlich der Hundertjahrfeier von Nauvoo wieder aufgebaut werde, doch war ihm dies nicht vergönnt. Unter der Eingebung des Geistes und bewegt vom Wunsch meines Vaters kündigten wir bei der Generalkonferenz im April 1999 an, dass wir dieses historische Bauwerk wieder errichten würden.

Jeder war begeistert. Männer und Frauen boten bereitwillig Hilfe an. Große Beträge und sachkundige Mitarbeit wurden angeboten. Wieder wurden keine Kosten gescheut. Wir hatten vor, das Haus des Herrn dem Propheten Joseph Smith zum Gedenken und unserem Gott als Opfer zu erbauen. Am Nachmittag des 27. Juni, etwa zur selben Zeit, als Joseph und Hyrum vor 158 Jahren in Carthage erschossen wurden, hielten wir die Weihung des prächtigen neuen Gebäudes ab. Es ist sehr schön. Es steht genau an der Stelle des ursprünglichen Tempels. Die Außenmaße entsprechen den ursprünglichen. Es ist ein geeignetes und angemessenes Ehrenmal für den großen Propheten dieser Evangeliumszeit, den Seher Joseph.

Wie dankbar, wie unendlich dankbar bin ich doch für das, was geschehen ist. Heute steht, nach Westen ausgerichtet, auf einem hohen Hügel über Nauvoo, mit Blick auf den Mississippi und die Prärie von Iowa, Josephs Tempel, ein prächtiges Haus Gottes. Hier in Salt Lake City steht, nach Osten ausgerichtet, hin zum schönen Nauvoo-Tempel, Brighams Tempel, der Salt-Lake-Tempel. Sie stehen einander gegenüber wie zwei Buchstützen, zwischen denen die Bücher aufgereiht sind, die vom Leid, Kummer und Opfer und sogar vom Tod Tausender erzählen, die den langen Weg vom Mississippi ins Tal des großen Salzsees auf sich genommen haben.

Nauvoo war der 113. Tempel, der in Betrieb genommen wurde. Seitdem haben wir einen weiteren in Den Haag geweiht, so dass es nun insgesamt 114 sind. Diese wunderbaren Gebäude, die sich in Größe und Gestaltung unterscheiden, sind heute auf der ganzen Erde zu finden. Sie sind gebaut worden, damit unsere Mitglieder das Werk des Allmächtigen voranbringen können, dessen Absicht darin besteht, die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen (siehe Mose 1:39). Diese Tempel wurden gebaut, um genutzt zu werden. Wir ehren unseren Vater, indem wir sie nutzen.

Zu Beginn der Konferenz bitte ich Sie, meine Brüder und Schwestern, dringend: Nutzen Sie die Tempel der Kirche.

Gehen Sie dorthin und bringen Sie das großartige und wunderbare Werk voran, das der Gott des Himmels uns vorgegeben hat. Lernen wir dort seine Wege und seine Absichten. Gehen wir dort Bündnisse ein, die uns auf dem Pfad der Rechtschaffenheit, der Selbstlosigkeit und der Wahrheit führen. Lassen wir uns dort im Rahmen eines ewigen Bündnisses durch die Vollmacht des Priestertums Gottes als Familie vereinen.

Und machen wir dort dieselben Segnungen den Menschen früherer Generationen zugänglich – unseren eigenen Vorfahren, die auf den Dienst warten, den wir ihnen jetzt erweisen können.

Möge der Segen des Himmels auf Ihnen ruhen, meine lieben Brüder und Schwestern. Möge der Geist des Elija Ihr Herz anrühren und Sie dazu bewegen, dieses Werk für andere Menschen zu verrichten, die ohne Sie nicht weiterkommen können. Mögen wir uns über den herrlichen Vorzug, den wir genießen, freuen. Darum bete ich demütig im Namen Jesu Christi. Amen.